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Antje von Dewitz: „Nachhaltigkeit macht uns zukunftsfähiger“

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Interview mit Antje von Dewitz, Geschäftsführerin Vaude Sport GmbH & Co KG

Die Textilbranche steht oft besonders im Fokus, wenn über die nachteiligen Folgen der Globalisierung gesprochen wird. Beim Familienunternehmen Vaude, einem führenden Ausstatter für Bergsport und Outdoor-Aktivitäten, hat man früh über verantwortungsbewusstes Handeln nachgedacht. Geschäftsführerin Antje von Dewitz plädiert für mehr gemeinwohlorientiertes Denken in der Ökonomie, und für die Schaffung tragfähiger, internationaler Standards. Ein Gespräch über Transparenz, Verantwortungsbewusstsein und Mode.

Frau von Dewitz, Sie sind durchaus häufig als Gesprächs- und Interviewpartner in den Medien präsent. Ist das für Sie auch eine Art von Verpflichtung? Sollte man als Unternehmer/in der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen?

Ja, ich glaube, das ist durchaus sinnvoll. Es gibt in der Gesellschaft leider ein recht hohes Misstrauen gegenüber dem Unternehmertum. Ich bin als Unternehmertochter aufgewachsen, da weiß ich, wovon ich spreche. Wenn man auf die Skandale der jüngsten Zeit schaut, dann ist das Misstrauen auch nicht ganz unberechtigt. Von daher denke ich, mehr Transparenz tut der Wirtschaft gut.

Ist man als Unternehmerin auch Vorbild?

In erster Linie ist die Aufgabe eines Unternehmers, der unternehmerischen Verantwortung gerecht zu werden. Und die, scheint mir, wird häufig nicht ganzheitlich wahrgenommen. Diese Verantwortung bedeutet für mich, dass man sich wirklich bewusst wird über die Auswirkungen des eigenen unternehmerischen Handelns, über die gesellschaftlichen, ökologischen oder sozialen Konsequenzen. Und dass man diese Folgewirkungen analysiert und dafür gerade steht. Für mich geht es also weniger darum, ob man nun als Vorbild wahrgenommen wird, sondern ob man dafür Sorge trägt, dass das, was man tut, gemeinwohlorientiert ist.

Als Sie vor ein einigen Jahren erklärt haben, Sie wollten das nachhaltigste Unternehmen in ihrer Branche werden, da gab es durchaus auch in der eigenen Firma erst einmal Skepsis. Wie sind Sie damit umgegangen?

Anfangs gab es natürlich viele Fragen und Unsicherheiten. Ist das nur so eine Marketing-Idee? Wie nachhaltig ist das Konzept, und wie erfolgreich kann man damit sein? Wir haben diese Fragen ernst genommen und von Anfang an darauf geachtet, dass alle Bereiche und Mitarbeiter eingebunden sind. Nachhaltigkeit geht nur gemeinsam. Das ist eine Querschnittsfunktion. Alle Unternehmensbereiche, nicht nur die CSR-Abteilung, haben bei uns Nachhaltigkeitsverantwortung. Wir schrauben Jahr für Jahr an den Vorgaben und Zielen. Das geht gar nicht von oben, sondern das muss gemeinsam mit den Verantwortlichen diskutiert und an die Realität angepasst werden. Sonst entsteht nur Frust.

Komplexität ist kein Grund für mangelnde Veränderung.”

Sind familiengeführte, mittelständische Unternehmen besser in der Lage, solche Transformationsprozesse anzustoßen als große Konzerne?

Ich glaube, da würde man es den Konzernen zu einfach machen, wenn sie ihre Komplexität als Grund für mangelnde Veränderung anführen könnten. Vielleicht sind in einem mittelständischen Unternehmen die Startvoraussetzungen etwas einfacher. Aber letztlich haben wir auch 500 Mitarbeiter. Unser ganzes Handeln im Bereich Nachhaltigkeit ist sehr systemorientiert, mit klaren Prozessen, klaren Verantwortlichkeiten und klaren Zielen unterlegt. So ein Systemprozess lässt sich auch über größere Einheiten legen. Kleine Unternehmen haben dafür wiederum ganz andere Herausforderungen. Wir haben eine globale Lieferkette mit mehr als 150 Lieferanten. Diese Kette transparent, ökologisch und fair zu gestalten, ist eine sehr komplexe Aufgabe.

Ein großer Konzern hat da ganz andere Möglichkeiten, Standards vorzugeben und verbindlich zu machen. Als Mittelständler ist das für uns in der Form nicht möglich. Daher unterstützen und schulen wir unsere Produzenten und Lieferanten, erarbeiten mit Ihnen Lösungen und engagieren uns darüber hinaus für gemeinsame Ziele in der Branche.

Systemorientierung macht Nachhaltigkeit bilanzierbar und messbar. Wie wichtig ist es, messbare Kriterien für Nachhaltigkeit zu entwickeln?

Das ist sehr wichtig, um Transparenz zu erreichen. Und um feststellen zu können, von welchem Status man ausgeht, welches Ziel man erreichen möchte und wie man dahin kommt. Wir arbeiten beispielsweise mit der Fair Wear Foundation zusammen, einer Multistakeholder-Organisation, die ganz klare Zielsetzungen hat. So muss man innerhalb von drei Jahren 90 Prozent seiner Produktionsstätten auditiert und transparent haben. Jedes Jahr wird man auditiert und auf einer Skala von 100 Prozent bewertet. Wir haben inzwischen 100 Prozent unserer Produktionsstätten auditiert und einen Benchmark Score von 94 Prozent. Damit sind wir derzeit das am besten bewertete Mitgliedsunternehmen.

Sie haben gefordert, dass diese Kriterien auch in der Wirtschaftspolitik stärker berücksichtigt werden müssten. Warum?

Unser Wirtschaftssystem ist leider so ausgestaltet, dass Nachhaltigkeit überhaupt keine Rolle spielt. Als nachhaltiges Unternehmen ist man zunächst mal benachteiligt, weil man mehr Kosten, mehr Aufwand, mehr Komplexität hat. Auf der anderen Seite tritt man ja auch in Vorleistung, weil man einen Beitrag dazu leistet, zukünftige gesellschaftliche Kosten zu vermeiden. Das lässt sich auch mit harten Daten unterfüttern. Da würde ich mir schon wünschen, dass diese Leistung auch in der Wirtschaftspolitik eine stärkere Berücksichtigung findet.

Jede Industrie hat ihre Baustellen, wenn man tiefer in die Lieferkette hineingeht.”

Sie sind in der Textil- und in der Freizeitbranche aktiv, Branchen, die in der Vergangenheit gerade unter Nachhaltigkeitsaspekten kritisch betrachtet worden sind. Ist die Herausforderung, in diesen Branchen nachhaltig zu sein, besonders groß?

Die Textilindustrie hat keinen besonders guten Ruf, das kann man nicht leugnen. Es gibt sicher ganz besondere Herausforderungen, aber eben auch deshalb, weil die Öffentlichkeit genauer hinschaut. In der Vergangenheit hatten ja viele NGOs gerade auf die Outdoor-Branche einen besonderen Schwerpunkt. Aber insgesamt hat jede Industrie ihre Baustellen, und das zeigt sich, je tiefer man in die Lieferketten hineingeht, die ja in fast jeder Branche inzwischen weltweit sind.

Man könnte ja andererseits auch sagen, gerade die Outdoor-Branche hat einen Vorteil, weil es eine Kundschaft gibt, die eine Affinität zu Nachhaltigkeitsthemen mitbringt. Ist das so?

Das kann schon sein. Wenn man viel draußen ist, hat man sicher eine höhere Sensibilität für ökologische Fragen, für Natur- und Umweltschutz und ähnliches. Andererseits sind gerade im Outdoor- und Bergsportbereich oft die größten Preisfüchse unterwegs. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vor allem darauf ankommt, ob man ein sinnhaftes Arbeiten und ein ernsthaftes Engagement vermitteln kann. Wenn man glaubwürdig zeigen kann, wofür man sich engagiert, erreicht man auch, dass sich andere öffnen und mitmachen möchten. Das erlebe ich bei unseren Mitarbeitern, bei unseren Geschäftspartnern und bei unseren Banken. Ich glaube, das kann man in jeder Branche erreichen.

Sie haben es schon angedeutet: Kunden sind manchmal widersprüchlich, sie fordern ein faires Produkt und kaufen dann doch das preisgünstigste. Wie geht man mit diesem Widerspruch um?

Die Menschen möchten heute mit einem guten Gewissen konsumieren oder einkaufen oder reisen. Aber der Markt ist sehr komplex, und es gibt eine große Unsicherheit darüber, was wirklich nachhaltig ist und was nicht. Da ist der Griff nach dem Bewährten dann doch oft der naheliegendste. Wir haben vor einigen Jahren damit begonnen, Händler und Käufer gezielt zu schulen und ihnen zu zeigen, wie sie Nachhaltigkeit als wesentliches Argument einführen, ebenso wie Preis oder Funktion. Und wir stellen fest, dass das durchaus erfolgreich ist. Auch unsere eigene Kommunikation entwickeln wir kontinuierlich weiter, um Nachhaltigkeitsberatung
besser darstellen zu können, worauf es uns ankommt. Das ist nicht immer einfach, weil man immer die richtige Tonalität finden muss zwischen exakter Erklärung und emotionaler Ansprache, aber es gelingt.

Wenn man in ein Outdoor-Geschäft geht, sieht man, dass viele Ausrüster inzwischen durchaus ein bisschen modischer denken. Lässt man sich allerdings, wenn man trendorientierter wird, nicht auch stärker auch kürzere Verwertungszyklen ein? Wie findet man die Balance zwischen dem, was Kunden wollen, und was aus Nachhaltigkeitsaspekten sinnvoll wäre?

Das ist wirklich ein schwieriger Balanceakt, in den wir viel strategische Arbeit investieren. Wir arbeiten zum Beispiel intensiv an unserer Produktphilosophie und an internen Farbkonzepten, die langfristig abbilden, wofür die Marke Vaude steht, aber auch einen modischen Grad hineinbringen. Das ist eine schwierige Aufgabe: Wir können es uns nicht leisten, die Mode zu vernachlässigen, aber wir wollen auch nicht jedem Modetrend folgen. Wir möchten auf keinen Fall zur Wegwerfmode beitragen.

Wir wollen Teil der Lösung sein, nicht des Problems.”

Kann nachhaltiges Denken auch ein Innovationstreiber sein?

Auf jeden Fall. Wir verstehen uns als Problemlöser. Wir möchten nicht Teil des Problems sein, sondern zur Lösung globaler Probleme beitragen. Also stellen wir uns bewusst den drängenden Themen und analysieren mit Universitäten, Forschungs- und Industriepartnern, welche Möglichkeiten es gibt. So haben wir einen kontinuierlichen Output an neuen Ideen aufbauen können. Wir haben beispielsweise eine Kollektion auf den Markt gebracht, bei der wir Rizinusöl statt Rohöl für den Kunststoff verwenden, aus dem die Reißverschlüsse gefertigt sind. Oder wir fertigen Fleece aus Holzfaser statt aus Kunststoff, und nutzen wegzuwerfende Milch, um Wolle geschmeidig zu machen.

Innovation heißt für uns aber auch, dass wir nicht nur über Produkte nachdenken, sondern auch über Dienstleistungen, die das umschließen. Wir haben gerade iRentit auf den Markt gebracht, ein Konzept zur Vermietung von Ausrüstungsgegenständen. Mit iFixit haben wir ein eigenes Reparaturcenter. Und wir haben Upcycling-Werkstätten aufgebaut, in denen wir Restmaterialien verwerten. Es gibt also viele innovative Überlegungen, die auch in zukünftige Businessmodelle fließen. Die konsequente Ausrichtung auf Nachhaltigkeit macht uns als Unternehmen sehr zukunftsfähig.

Viele Unternehmen haben Verantwortliche für Corporate Social Responsibility, veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte und Nachhaltigkeitssiegel. Sind wir auf einem guten Weg, oder gibt es zu viele potemkinsche Dörfer, die da aufgebaut werden?

Ich würde sagen, wir sind ähnlich weit gekommen wie bei der Frauenquote oder beim Thema Diversität. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo jeder weiß, dass es um wichtige Themen geht, die auch einem Unternehmen gut tun. Es gibt viele Menschen, die bereit sind, etwas zu tun und das auch schon umsetzen. Was ich allerdings noch zu selten sehe, ist ein Verständnis für die Komplexität des Themas. Nachhaltigkeit ist keine Aufgabe, die ich delegieren kann, sondern sie fordert Transformationsprozesse, in denen sich wirklich etwas verändert und die durchaus auch anstrengend und mühsam sein können.

Und was könnten Sparkassen als öffentlich-rechtliche Institute leisten, um nachhaltiges Denken voranzubringen?

Ich würde mir wünschen, dass auch bei vielen Finanzdienstleistungen der Aspekt der Nachhaltigkeit noch stärker in den Vordergrund rückt. Wir benötigen zum Beispiel sehr viel mehr Fonds, die wirklich nachhaltig sind und wo ich als Anleger sicher sein kann, dass mein Geld nur in ökologisch und sozial saubere Unternehmen fließt. Es gibt ein großes Potenzial an attraktiven, zeitgeistgemäßen Produkten, die die Welt besser machen und die auch ein großes Investmentpotenzial bieten. Das ist ein Markt, für den die Sparkassen prädestiniert sind.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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