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Nicht nur Sparer: Wen die Niedrigzinsphase noch betrifft

Bewertung

Das Zinstief kommt den einzelnen Sparer teuer zu stehen. Doch durch die anhaltende Niedrigzinsphase sind weit mehr Bereiche betroffen, als in der derzeitigen Diskussion aufgegriffen werden.

Deutsche Rentenversicherung

Aufgrund der Niedrigzinsphase wirft die kapitalgedeckte Altersvorsorge weniger Rendite ab als vorher. Zwar steht die gesetzliche Rente durch die Kombination aus Umlageverfahren und Kapitaldeckung insgesamt stabil da, doch wenn langfristig weniger Rendite abfällt, kann auch weniger ausgezahlt werden. Das Rentenniveau sinkt. Eine Möglichkeit, um diese Folgen abzumildern, sind steigende Rentenbeiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Private Rentenversicherung/Lebensversicherung

Wer mit einer neu abgeschlossenen Lebensversicherung privat fürs Alter vorsorgt, leidet unter den niedrigen garantierten Zinsen. Auch der gerade langfristig wirksame Zinseszinseffekt greift nicht in dem Maße, wie er es bei höheren Zinssätzen täte. Die Versicherer können bei der Anlage aufgrund des Zinstiefs ebenfalls weniger Rendite erwirtschaften. So fällt auch bei laufenden Verträgen die Überschussbeteiligung deutlich geringer aus. Darunter leiden auch Kunden, die ihre Lebensversicherung vor der Niedrigzinsphase abgeschlossen haben.

Gesetzliche Krankenversicherung

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen seit 2009 in den Gesundheitsfonds des Bundesversicherungsamts ein. Bevor die Beiträge in Form einer Grundpauschale pro Versichertem wieder an die Krankenkassen ausgeschüttet werden, liegen sie für wenige Tage auf den Konten des Gesundheitsfonds. Die hohen zwischengelagerten Summen verzinsen sich in der Niedrigzinsphase nicht mehr. 2015 wurden dafür sogar Strafzinsen in Höhe von 1,8 Millionen Euro fällig, die nicht mehr an die Krankenkassen ausgezahlt werden konnten. Als Reaktion darauf könnten die Beiträge für die gesetzlichen Krankenkassen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen, steigen.

Private Krankenversicherungen

Die privaten Krankenversicherer müssen Altersrückstellungen bilden, um höhere Kosten der Versicherten im Alter auszugleichen. Diese Rückstellungen verzinsen sich im Niedrigzinsumfeld nicht mehr. Dennoch müssen die Beträge angespart werden. Bei den ersten Anbietern hat das schon zu Beitragserhöhungen für die Kunden geführt.

Mittelständische Unternehmen mit Pensionsrückstellungen

Die niedrigen Zinsen gefährden die Stabilität von Unter-nehmen, die in den kommenden Jahren Pensionszusagen nicht mehr ausfinanzieren können. Pensionszusagen sind ein Durchführungsweg der betrieblichen Altersvorsorge, bei der Unternehmen selbst die Zahlungen an ehemalige Mitarbeiter leisten. Die Kalkulation für diese Zahlungen drohen nicht mehr aufzugehen, weil die dafür angesparten Rücklagen sich nicht wie geplant verzinsen. Das fehlende Geld werden Unternehmen an anderer Stelle einsparen müssen.

Öffentliche Einrichtungen

Öffentliche Einrichtungen müssen Geldrücklagen für die Pensionen ihrer im öffentlichen Dienst Beschäftigten bilden. Die niedrigen Zinsen aus den angelegten Rücklagen gleichen sich nur über höhere Einlagenzahlungen aus. Für diese muss in den Einrichtungen an anderer Stelle gespart werden. Konkret könnte das bedeuten, dass Schwimmbäder oder Bibliotheken nur noch eingeschränkt geöffnet sind oder einige sogar schließen müssen.

Stiftungen

Stiftungen dürfen ihr Kapital nicht direkt in ihre Stiftungsprojekte einfließen lassen. Neben Spenden kommen nur die Erträge aus Zinsen dem Stiftungszweck zugute. Durch das anhaltende Zinstief steht weniger Geld für die Stiftungsarbeit der deutschlandweit über 20.000 Stiftungen zur Verfügung.

Kunst, Kultur & Sport

Wenn weniger Geld für die Stiftungsarbeit zur Verfügung steht, leiden darunter Kunst- und Kultureinrichtungen, aber auch Sportvereine. Denn ein wichtiger Pfeiler der Stiftungsarbeit in Deutschland ist deren Unterstützung.
Zudem müssen natürlich auch Kunst- und Kultureinrichtungen sowie Sportvereine einen Haushalt führen. Wenn sich das Geld auf dem Konto dank der Niedrigzinsphase nicht verzinst, bleibt weniger Geld übrig. Höhere Mitgliedsbeiträge können die Folge sein.

Sparkassen und Banken

Ein Leitzins der Europäischen Zentralbank, der so niedrig ist, dass er in den negativen Bereich fällt, bedeutet für die Finanzinstitute, dass sie dafür zahlen müssen, wenn sie Geld bei der Zentralbank anlegen. Der Leitzins wirkt stark auf die Höhe von Spar- und Einlagenzinsen. Auch für die sichere Einlage in deutschen Staatsanleihen bekommen die Institute kaum Zinsen. So erschwert die Niedrigzinsphase einlagenlastige Geschäftsmodelle von Finanzinstituten.
Den erhöhten Druck spüren die Sparer über geringere Zinsen auf ihren Sparanlagen. Das führt zu einer geringeren Sparkultur. Aus dem Vermögensbarometer der Sparkassen 2015 geht hervor, dass 40 Prozent der Bürger keine regelmäßigen monatlichen Rücklagen für ihr Alter bilden. Das ist ein Anstieg um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. So sorgen die niedrigen Zinsen dafür, dass Altersarmut in der Gesellschaft wahrscheinlicher wird.