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Bildungsgerechtigkeit in Deutschland: “Wir haben uns verbessert, aber es ist noch viel zu tun” – Ein Gespräch mit Dr. Christina Anger

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Bildungsgerechtigkeit in Deutschland: Wir haben uns verbessert, aber es ist noch viel zu tun

Bildungsgerechtigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. In den vergangenen Jahren stand das deutsche Bildungssystem häufig im Fokus öffentlicher Kritik, vor allem, seit die erste PISA-Studie der OECD 2000 Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausstellte. Dabei hat sich die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland durchaus „positiv entwickelt“, sagt Dr. Christina Anger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Es gebe mehr Bildungsaufsteiger als -absteiger, und der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds habe nachgelassen. Sind wir also auf dem richtigen Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit? Und welche Herausforderungen müssen dabei noch in Angriff genommen werden? Wir haben mit Dr. Christina Anger gesprochen.

 

Bildung und Bildungsgerechtigkeit sind in der öffentlichen Diskussion, und das nicht erst seit den Ergebnissen der ersten PISA-Studie. Sie haben im Sommer 2016 eine Studie vorgelegt, in der sie eine durchaus positive Entwicklung in Sachen Bildungsgerechtigkeit feststellen. Wie gut steht Deutschland tatsächlich da?

Ich würde nicht sagen, dass wir richtig gut dastehen, aber wir haben uns in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Es müssen ja nicht alle Kinder Akademiker werden: Wenn jemand eine berufliche Ausbildung abschließt und dadurch einen Beruf ergreift, hat er ebenfalls gute Arbeitsmarktperspektiven. Es stimmt sicher, dass die OECD uns meistens ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Aber man muss genau hinschauen, was jeweils gemessen wird. Nehmen wir das Stichwort Bildungsmobilität, also die Frage, ob Kinder einen höheren Abschluss erreichen als ihre Eltern oder nicht. Laut OECD schneidet Deutschland hier immer relativ schlecht ab. Allerdings betrachtet die OECD immer nur ein Elternteil, nämlich dasjenige mit dem höheren Abschluss. Wenn sie also ein Elternpaar haben, bei dem einer Akademiker ist und ein anderer eine berufliche Ausbildung hat, dann zählt nur der akademische Abschluss. Und wenn das Kind ebenfalls einen beruflichen Abschluss macht, dann gilt es als Bildungsabsteiger, obwohl es das gleiche Niveau erreicht wie das zweite Elternteil. Wenn man anders misst, etwa indem man den Durchschnitt der Eltern nimmt oder nur zum Vater oder zur Mutter vergleicht, dann bekommt man auch für Deutschland mehr Aufsteiger als Absteiger.

Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass wir über ein System der beruflichen Bildung verfügen, das es in anderen Ländern so nicht gibt. Es müssen ja nicht alle Kinder Akademiker werden: Wenn jemand eine berufliche Ausbildung abschließt und dadurch einen Beruf ergreift, ist das völlig ausreichend. Es ist nur schwierig, dieses System mit anderen Ländern zu vergleichen. Ein weiterer Faktor, der beachtet werden muss, ist das Ausgangsniveau. Wenn das in einem Land bereits hoch ist, also die Eltern schon gut ausgebildet sind, dann kann das Kind gar nicht weiter aufsteigen. Das ist dann aber nicht problematisch. Weil wir diese Faktoren etwas anders gewichten, kommen wir zu etwas besseren Ergebnissen als die OECD.

Auch der aktuelle Social Justice Index der Bertelsmann Stiftung konstatiert mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland, urteilt aber auch, der „Zusammenhang sozialer Hintergrund und Bildung verbessert sich nur auf niedrigem Niveau“ und ist „im EU-Vergleich immer noch relativ stark“. Würden Sie dieser Einschätzung widersprechen?

Nein, dem würde ich nicht komplett widersprechen. Bei der ersten PISA-Studie waren wir in diesem Zusammenhang ja unter den Ländern, die am schlechtesten abgeschnitten haben. Jetzt liegen wir im Mittelfeld. Es hat von PISA-Studie zu PISA-Studie eine kontinuierliche Verbesserung gegeben, und das ist ja ein Aspekt, den man durchaus positiv herausheben kann. Natürlich gibt es immer noch deutlich Luft nach oben, und ich denke, das ist der Aspekt, auf den die Autoren der Bertelsmann-Studie hinweisen möchten. Es gibt noch einige Länder, die besser dastehen. Und man hat auch bei der letzten PISA-Studie gesehen, dass die sogenannte Risikogruppe, also die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die über sehr geringe Kompetenzen verfügen, wieder leicht angestiegen ist.

Wir stehen natürlich im Moment auch an einem wichtigen Wendepunkt. Die Schülerstruktur ändert sich gerade deutlich, vor allem durch den Zuzug vieler Migrantenkinder. Da wird es zu einer großen Herausforderung, die verbesserten Ergebnisse der letzten Jahre zu halten. Es ist sicher nicht auszuschließen, dass es bei einigen Indikatoren auch Rückschritte geben wird.

Bildungsgerechtigkeit bedeutet in unserer Perspektive, dass zum einen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verringert wird.

Nun ist Bildungsgerechtigkeit ein komplexer Begriff, der sicher auch unterschiedlich definiert wird. Welche Definition haben Sie für Ihre Studie zugrundegelegt?

Bildungsgerechtigkeit bedeutet in unserer Perspektive, dass zum einen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verringert wird. Zum anderen heißt das, dass es zu Verbesserungen am unteren Ende der Leistungsskala kommt, ohne dass sich die Ergebnisse am oberen Ende verschlechtern – oder anders gesagt: dass sich der Abstand zwischen guten und schlechten Schülern verringert, ohne dass die guten schlechter werden, und dadurch das Leistungsniveau insgesamt steigt.

Welche Auswirkungen hat der PISA-Schock denn tatsächlich gehabt? Haben die Maßnahmen, die damals eingeleitet wurden, einen meßbaren Einfluss auf die Ergebnisse ihrer Studie gehabt?

Ganz sicher. Das gilt vor allem für die Verringerung des Zusammenhangs von Herkunft und Bildungserfolg. Da ist ja sehr viel passiert in den vergangenen Jahren, etwa was den Ausbau von Ganztagsschulen angeht, oder von Kitas. Man hat auch einen stärkeren Fokus auf frühe Sprachförderung gelegt. Das hat sich bewährt: Die erzielten Verbesserungen hat es auch deshalb gegeben, weil sich Kinder mit Migrationshintergrund deutlich verbessern konnten.

Welche dieser Maßnahmen wären für die zukünftige Entwicklung besonders wichtig?

Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern oder mit Migrationshintergrund besonders davon profitieren, wenn sie sehr früh in Kitas gefördert werden. Natürlich profitieren auch Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern, aber die werden meist auch zu Hause schon gut gefördert. Was sich aber vor allem gezeigt hat, ist die Wichtigkeit des Spracherwerbs. Da hat es viele Maßnahmen gegeben, deren Effekte gut sichtbar greifen. In vielen Bundesländern wurden Sprachtests eingeführt und besondere Fördermaßnahmen für diejenigen Kinder, die dabei schlecht abgeschnitten haben. Es gibt Ganztagsschulen, in denen Kinder auch Hausaufgaben machen können, deren Eltern sie dabei vielleicht nicht so unterstützen können. Es gibt viele Studien, die belegen, dass solche unterstützenden Maßnahmen für Kinder besonders wichtig sind. Diese Art von Maßnahmen wird auch in Zukunft wichtig bleiben: Wir benötigen genügend Kita-Plätze, um die Flüchtlingskinder früh fördern zu können, und genügend Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Das ist sicher eine große Herausforderung.

Für einkommensschwache Familien gibt es oft auch ökonomische Kriterien für Bildungswege und -abschlüsse. Haben Sie dazu aus ihren Untersuchungen Erkenntnisse gewinnen können?

Das spielt meiner Einschätzung nach eine untergeordnete Rolle. Die Schule kostet ja nichts. Bei den Kita-Gebühren hat jede Kommune eine soziale Staffelung. Wer wenig Einkommen hat, zahlt gar nichts oder nur einen geringen Betrag. Viele Familien profitieren vom Ausbau der Kita-Plätze auch insofern, als dann beide Elternteile arbeiten können. Was das Studium angeht, da mag es manchmal abschrecken, dass man länger auf ein Einkommen verzichten muss. Aber es gibt ja auch hier Unterstützung und Angebote wie BAFÖG, die auch in Anspruch genommen werden. Und es zeigt sich eben, dass der Anteil von Kindern aus nichtakademischen Haushalten, die ein Studium beginnen, durchaus steigt. Möglicherweise hat auch die Einführung des Bachelors dazu beigetragen, weil er einen kürzeren Ausbildungsweg ermöglicht und die Investitionskosten senkt. Dieser Eindruck wird zumindest durch einige Umfragen unter Studenten bestätigt.

Sie haben auch Untersuchungen zum Bildungsniveau und zu den Kompetenzen von Schülern und Studierenden angestellt. Welche Entwicklungen haben Sie dabei festgestellt?

Schon in den PISA-Studien ist feststellbar, dass die durchschnittlichen Kompetenzen angestiegen sind im Vergleich zum Jahr 2000, als wir wirklich nicht gut abgeschnitten haben. Wenn wir nun besser dastehen, dann gerade auch deshalb, weil sich die Kinder am unteren Ende der Leistungsskala verbessert haben.

Man wird nun aber einige Anstrengungen unternehmen müssen, um dafür zu sorgen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. In den aktuellen Bildungstrends des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) kann man erkennen, dass es in einigen Bundesländern aktuell leichte Verschlechterungen gibt. Das ist ein Indiz für die bereits angesprochene Veränderung der Schülerstruktur. Da wird man nun sehr aufmerksam beobachten müssen, wie diese Entwicklung weiter verläuft, und entsprechend reagieren.

Sie haben schon darauf hingewiesen, dass das System der beruflichen Ausbildung in Deutschland einen besonderen Stellenwert hat. Welche Rolle spielt es für die Umsetzung von mehr Bildungsgerechtigkeit?

Es gibt immer noch einen klaren Zusammenhang zwischen Einkommensniveau und Abschluss. Die Wahrscheinlichkeit, in eine geringe Einkommensklasse zu fallen, ist geringer, wenn man mindestens einen beruflichen Bildungsabschluss hat. Die beruflichen Bildungswege haben auch eine Art kompensatorische Funktion, weil sie Jugendlichen, die schulisch schlecht abschneiden, durch Übergangssysteme und Nachqualifizierungsmöglichkeiten eine Chance bieten, dennoch einen qualifizierten Ausbildungsabschluss zu erlangen. Das trägt alles mit dazu bei, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern – gerade in Südeuropa – eine geringe Jugendarbeitslosigkeit haben. Aus diesem Grund wird in vielen Ländern darüber nachgedacht, ob und wie dieses System oder Aspekte davon übernommen werden können.

Mit dem System der beruflichen Bildung verfügen wir auch über gute Instrumente für die Aufgabe der Integration. Mit den Übergangssystemen zur Ausbildungs- und Berufsvorbereitung gibt es bereits hilfreiche Strukturen, die geflüchtete Jugendliche an berufliche Bildungswege heranführen können: Beispielsweise ausbildungsbegleitende Hilfen, wenn man etwa neben der Ausbildung noch Sprachunterricht macht. Die Nachfrage nach diesen Übergangssystemen steigt auch wieder, nachdem die Zahlen in den vergangenen Jahren lange gesunken sind. Das zeigt, dass viele junge Menschen diese Strukturen durchaus als sinnvolle Option wahrnehmen.

Welchen Beitrag können die Sparkassen leisten, um Bildungsgerechtigkeit stärker zu fördern?

Die Sparkassen sind ja selbst ausbildende Unternehmen und bieten sehr vielen Menschen einen Zugang zu beruflicher Qualifzierung.  Das wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Dabei wird es vor allem darauf ankommen, einen offenen Blick zu behalten und zu erkennen, wo sich überall Potenziale und Talente finden lassen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

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