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Neun Monate Brexit – was hat sich seit dem „No“ geändert?

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Neun Monate ist die Entscheidung her, dass die Briten sich gegen ein „stay in“ und damit für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden haben. Am 29. März will die britische Premierministerin Theresa May, gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags, den Austritt aus der Europäischen Union beantragen.  Doch was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Konjunkturelle Entwicklung seit den Wahlen

Das Britische Pfund hat seit dem Brexit-Referendum massiv an Wert verloren und liegt inzwischen bei rund 1,15 Euro nach einem Kurs von rund 1,31€ vor Abstimmung. Dies entspricht einem Rückgang von rund 14 Prozent. Die starke Abwertung des Pfunds gegenüber dem Euro sorgt nicht zuletzt durch die gestiegenen Importpreise für eine steigende Inflation. So sind die Verbraucherpreise im Januar um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Anders sind jedoch die Auswirkungen auf die britische Wirtschaft. Entgegen der Prognosen hat sie sich überraschend positiv entwickelt und ist nach ersten volkswirtschaftlichen Schätzungen um 2,0 Prozent zum Vorjahr gewachsen. Auch auf dem britischen Arbeitsmarkt sind bisher keine Auswirkungen der Brexit-Entscheidung zu erkennen. Die Arbeitslosenrate hat sich seit dem Referendum nochmals reduziert und lag zuletzt bei 4,8 Prozent.

Konjunkturprognose

Analysten und Konjunkturforscher sind sich einig, dass die Auswirkungen der Brexit-Entscheidung 2017 bemerkbar werden. So hat die britische Regierung ihre Wachstumsprognose für Großbritannien bereits von 2,2 auf 1,4 Produzent reduziert. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet nur mit 1,5 Prozent Wachstum. Das geringere Wachstum wird  vor allem mit den Unsicherheiten begründet, die mit dem Austritt der Briten aus der EU verbunden sind.

Was bedeutet das für die deutsch-britischen Handelsbeziehungen?

Von Januar bis Oktober 2016 stand der deutsch-britische Warenaustausch an dritter Stelle (72,9 Mrd. Euro) der deutschen Exporte. Für den gleichen Zeitraum verzeichnete Deutschland das größte Außenhandelssaldo mit Großbritannien (43,5 Mrd. Euro). Somit hat es nach dem Brexit-Referendum keinen Einbruch in den Handelsbeziehungen gegeben. Das monatliche Handelsvolu­men (D/GB: Exporte und Importe) steigerte sich von 9,8 Mrd. Euro im Juli 2016 auf 10,9 Mrd. Euro im September 2016.

Die Grundsatzrede von Theresa May am 17. Januar 2017 hat durchblicken lassen, dass Großbritannien die Strategie eines harten Brexit verfolgen wird. Dies bedeutet, dass die britische Regierung weder den Zugang zum EU-Binnenmarkt noch zur Zollunion anstrebt. Stattdessen will man ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU und anderen Weltregionen erreichen. Interessant wird dabei die Frage nach dem Wirtschaftsmodell, für das sich die britische Regierung entscheiden wird.

Mehrfach wurde die Möglichkeit eines Steuerparadieses mit niedrigen Unternehmenssteuersätzen ins Spiel gebracht. Damit könnten EU-Unternehmen zum Verbleib überredet bzw. angelockt werden. Ein solches Vorhaben widerspricht in der Praxis jedoch dem Hauptanliegen der Brexit-Befürworter, die Migration nach Großbritannien strenger zu reglementieren und die Regelungen zur Arbeitnehmer-Freizügigkeit innerhalb Europas ersatzlos aufzukündigen.

Ausblick auf künftige Entwicklungen

1. Finanzmarktplatz London

Für viele Kreditinstitute wird es entscheidend sein, ob nach dem Brexit der sog. EU-Pass erhalten bleibt, der ihnen ermöglicht, die Bankgeschäfte von der Insel aus zu lei­ten. Die Finanzmarktplätze Paris und Frankfurt erhoffen sich durch einen Wegfall eine steigende Bedeutung ihres Standorts

2. Umzug Europäische Bankenaufsicht (EBA)

Seit dem Brexit-Referendum wird über einen möglichen Umzug der EBA spekuliert, die momentan ihren Sitz in London hat. Seitens des Bundesfinanzministeriums wird bereits eine Fusion der EBA mit der in Frankfurt ansässigen Aufsichtsbehörde für das Versiche­rungswesen (EIOPA) befürwortet.

3. EU-Haushalt

Erhebliche Auswirkungen wird der Austritt Großbritanniens als einer der wenigen EU-Nettozahler auf den europäischen Haushalt haben. Durch die gesunkene durchschnittliche Wirtschaftsleistung in der EU werden bisher förderfähige Regionen aus der Förderung herausfallen. Vor allem wird jedoch die Verteilungsmasse insgesamt sinken. Dies wird auch die Europäische Investitionsbank betreffen. Das Vereinigte König­reich ist gemeinsam mit Deutschland, Frankreich und Italien größter Anteilseigner der Investitionsbank. Eine Beteiligung für ein Nicht-EU-Land ist in den Statuten nicht vorgesehen.

 

Es wird in jedem Fall spannend, wenn Theresa May am 29. März 2017 das Austrittsgesuch des Vereinigten Königreichs einreicht. Danach beginnt eine auf zwei Jahre festgesetzte Frist für die Austrittsverhandlungen, bevor Großbritannien 2019 dann endgültig die EU verlässt.

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