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„Demokratie benötigt Zeit für Reflexivität und den Austausch von Argumenten“ – Gespräch mit Prof. Dr. Peter Strohschneider

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Die Wissenschaften haben eine besondere Verantwortung, sich in die öffentliche Diskussion um populistische Tendenzen, um „fake news“ und alternative Fakten einzumischen, sagt Prof. Dr. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Es gehe dabei nicht nur um politische oder ideologische Befindlichkeiten, sondern um die Grundlagen gesellschaftlicher Verfasstheit. Die Freiheit der Forschung ist ein wesentlicher Baustein dieses gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Statt pauschal ein vermeintlich elitäres Expertentum zu kritisieren, sollte deshalb eher nach Wegen gesucht werden, wie Wissenschaft und Gesellschaft besser miteinander ins Gespräch kommen können.

Wie sieht der Beitrag der Wissenschaften zum demokratischen Diskurs aus? Darüber haben wir uns mit
Prof. Dr. Peter Strohschneider unterhalten.

 Bei vielen Menschen wächst Kritik und Skepsis an politischen und öffentlichen Institutionen. Auch die Wissenschaften sind davon betroffen: Forschungsergebnisse und -prozesse werden kritisiert oder angezweifelt, wenn nicht gar mit „alternativen Fakten“ konfrontiert. Andererseits wird – gerade im populistischen Umfeld – eine offene Diskussions- und Gesprächskultur oft schlechthin verweigert. Was bedeutet dieses Debattenklima für die Wissenschaften und wissenschaftlichen Diskurs?

Für die modernen, liberalen und rechtsstaatlich verfassten Gesellschaften und ihre unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereiche sind öffentliche Debatten konstitutiv. Wenn diese öffentliche Debatte selbst zum Problem wird, dann ist man in der Gefahr, in eine Diskursfalle zu geraten. Dieser paradoxe Zustand scheint mir für die aktuelle Situation charakteristisch zu sein.

Die liberale Demokratie, so wie sie im 18. Jahrhundert entstanden ist, setzt Öffentlichkeit voraus, beziehungsweise – wie Jürgen Habermas gesagt hat – das sich zur bürgerlichen Öffentlichkeit versammelnde Publikum der räsonierenden Privatleute. Auf dieser Idee beruht bislang jedenfalls die Konzeption von pluralistischer Gesellschaft und demokratischem Rechtsstaat, und auch die der modernen Wissenschaft. Die institutionalisierte gesellschaftliche Debatte führt eine Indirektheit ein, ein komplexes Feld öffentlichen Diskurses, das zwischen den Ansprüchen der Einzelnen und der Gesamtheit der Gesellschaft vermittelt. Dadurch wird Zeit in die politischen Prozesse eingebaut: Zeit, die für Reflexivität und den Austausch von Argumenten benötigt wird.

Die liberale Demokratie und die pluralistische Gesellschaft sind ohne diese intermediären Strukturen nicht zu denken. Sehr viele Populismen wollen aber genau diese Indirektheiten überspringen und reden etwa einer direkten Demokratie das Wort. Das ist teilweise medientechnisch bedingt: Die Echtzeitlichkeit, die phantasmagorischen Unmittelbarkeiten des Twitterns oder der Social Media überhaupt scheinen eine direkte Einmischung zu ermöglichen. Aber sie vernichten Zeit, die erforderlich wäre, um Wissensansprüche zu überprüfen und Gegenargumente zu formulieren.

Dieses Problem betrifft die liberale pluralistische Gesellschaft und den liberalen Verfassungsstaat insgesamt. Und es betrifft insbesondere die Instanzen des Wahrheitsdiskurses in den liberalen Gesellschaften: Das Rechtsystem, die Medien und das Wissenschaftssystem. Alle drei stehen gleichermaßen und gemeinsam im Fokus populistischer Angriffe, weil sie Vermittlungsleistungen erbringen. Diese Vermittlungsleistungen beinhalten gewisse Zumutungen, wie etwa die, Komplexität auszuhalten, Kontingenz auszuhalten, Alternativen mitzudenken. Das sind Zumutungen, deren Akzeptanz und Plausibilität zunehmend in Frage gestellt wird.

 

Nun hat es Kritik an gesellschaftlichen Institutionen immer schon gegeben. Die Intensität dieser Kritik hat aber doch eine neue Qualität gewonnen. Warum?

Das liegt zum einen daran, dass medientechnisch neue Formen der Sozialität ermöglicht werden. Die sozialen Medien versprechen eine neue Form der Unmittelbarkeit: Sie können mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren wie unter Anwesenheitsbedingungen und in einer Art von Echtzeitlichkeit, die sich zwar nicht mündlich, dafür schriftlich vollzieht. Aber das ist nur ein Aspekt. Sicher müsste man auch fragen, ob demokratische Gesellschaften ihre Leistungsversprechen halten. Es fällt leichter, die Zumutungen, von denen ich gesprochen habe, hinzunehmen, wenn sie mit dem Versprechen einer Steigerung des Konsum- und Lebensniveaus einhergehen. Tun sie das nicht mehr, dann fehlt sozusagen das Gegengewicht zur Zumutungshaftigkeit dieses Sozialmodells. Und dann treten Entwicklungen umso deutlicher zu Tage, an denen die Effektivitätsschwäche demokratischer Rechtsstaaten mit Händen zu greifen ist.

Die Banken- und Finanzkrise 2008 beispielsweise hat eine tiefgreifende Legitimationskrise ausgelöst, und zwar weniger wegen der Milliarden, die in die Kompensation privater Verluste geflossen sind, sondern vielmehr weil die demokratische Politik eine Ohnmacht gegenüber finanzmarktkapitalistischen Systemen ausgestellt hat, die bei vielen Menschen Fragen nach ihrer Berechtigung aufgeworfen hat. Oder nehmen wir den gesamten Bereich der Ökologie. Demokratische Politik geschieht ja unter dem Versprechen, dass sie revisionsfähig sei. Und darin liegt auch ihre besondere Leistungsfähigkeit, die sie befähigt, Komplexität zu behandeln und politisch zu gestalten. Aber in denjenigen Bereichen staatlichen Handelns, wo es um ökologische Langzeitfolgen geht, ist diese Revidierbarkeit ein leeres Versprechen, weil sie qua technischer, sozialer und ökonomischer Effekte nicht mehr plausibel ist. Wenn etwa entschieden wird, Strom aus Atomkraft zu erzeugen, dann kann man zwar diese Entscheidung wieder rückgängig machen, aber die Folgen sind für mehrere Hunderttausend Jahre nicht mehr revidierbar.

So entsteht ein Spannungsverhältnis aus tatsächlicher Effektivität und struktureller Revidierbarkeit von politischen Entscheidungen in Demokratien. Die Leistungsfähigkeit demokratischer Staaten wird hier in ihren Grenzen erfahrbar. Diese Grenzen müssen mitdiskutiert werden, wenn man darüber sprechen möchte, warum es Kritik daran gibt.

 

In der populistischen Kritik geht es nicht zuletzt um die Frage der Partizipation und Teilhabe: Viele Menschen fühlen sich politisch nicht mehr angemessen repräsentiert, und sehen gesellschaftlichen Einfluss in der Hand politischer und kultureller Eliten. Sie wollen „alternativen Fakten“ Gehör verschaffen, die im gesellschaftlichen Diskurs ihrer Meinung nach nicht zur Sprache kommen. Gibt es, jenseits aller Polemik, Aspekte der Diskurskritik und Wissenschaftskritik, die nachvollziehbar und ernst zu nehmen sind?

Was die aktuelle Situation demokratischer Politik angeht, so scheint mir einiges an der Kritik an Defiziten der Repräsentation berechtigt. Wir haben nun zwei Legislaturperioden große Koalition, das heißt sozusagen eine Konvergenz von Politik in dem Bereich, der gesellschaftliche Mitte genannt wird. Damit sinkt zwar nicht automatisch die Repräsentation einzelner Personen oder Schichten oder Gruppen. Aber wir haben eine Politik, in der gesellschaftliche Kämpfe im politischen Prozess selbst nur noch seltener prägnant vorkommen, sondern auf Detailaspekte verlagert werden, auf Fragen wie die, ob das Renteneintrittsalter auf 65 Jahre und 2 Monate oder 66 Jahre und 11 Monate festgelegt wird. Diese Detailfragen werden vom Publikum kaum mehr als Repräsentationen tatsächlicher gesellschaftlicher Macht- und Interessensgegensätze wahrgenommen.

Für die Wissenschaften würde ich es anders sehen. Es gibt sicher einige kritische Entwicklungen in den Wissenschaften, die auch dazu beigetragen haben, dass es so etwas wie eine Atrophie des Vertrauens in sie gibt. Ich glaube aber nicht, dass das mit Partizipationsansprüchen allgemein gesellschaftlicher Art zu tun hat. Und zwar deswegen, weil ich denke, dass die Gesellschaft die Wissenschaft als ein eigenes Teilsystem wahrnimmt, das nach eigenen Regeln funktioniert und spezifische Funktionen hat, die als solche auch akzeptiert werden. Ob diese Funktion und Regeln auch schon die bestmögliche Fassung haben, das ist eine andere Frage, aber die spielt im gesellschaftlichen Blickwinkel auch nur eine untergeordnete Rolle. Mir scheint, dass die Gesellschaft die Wissenschaft von außen im Wesentlichen als einen homogenen Block betrachtet, und solange die Wissenschaft liefert, was sie gesellschaftlich liefern soll, solange findet sie auch Akzeptanz.

Wenn es zu Problemen im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, und in der gesellschaftlichen Kommunikation von Wissenschaft kommt, entstehen sie an anderen Punkten. Dazu gehört wissenschaftliches Fehlverhalten und schlechte wissenschaftliche Praxis, wie etwa im Falle der Plagiate: Das bekommt in der Öffentlichkeit ja häufig genug auf der Skandalebene Sichtbarkeit. Problematischer aber scheint mir, dass Wissenschaft dazu neigt, allzu große Verheißungen zur Lösung aller beliebigen Probleme auf der Welt zu formulieren. Die Wissenschaften täten sicher gut daran, in der gesellschaftlichen Kommunikation sehr viel präziser die Grenzen ihres Wissens dessen Status und dessen methodische Verlässlichkeit, die etwas anderes ist als Gewissheit, aufzuzeigen, und auch die Ambivalenz ihres Wissens deutlicher zu kommunizieren.

Ein weiterer Punkt: So gut wie jedes wissenschaftliche Wissen und seine technischen Effekte können im Guten wie im Schlechten verwendet werden: Chemisches oder pharmakologisches Wissen trägt zur Produktion von Impfstoffen bei wie zur Produktion von Kampfstoffen, psychologisches Wissen kann für therapeutische Zwecke verwendet werden, aber auch zur Verfeinerung von Foltertechniken. Es hat keinen Sinn, Wissen nur so zu beschreiben, als ob es schlechthin der Menschheit förderlich oder dem individuellen Dasein zuträglich sei. Das wird gesellschaftlich durchschaut. Es wird jedenfalls in Wissenschaftsgesellschaften durchschaut, also in Gesellschaften, die in einem großen Maße von wissenschaftlichem Wissen in allen Formen ihres individuellen und kollektiven Lebensbezugs abhängig sind, und wo es eine alltägliche Erfahrung ist, dass Wissenschaft in einem großen Umfang dazu beitragen muss, Probleme zu lösen, die man ohne sie gar nicht hätte.

Es gibt eine neopositivistische, szientokratische Versuchung der Wissenschaften. Mit Szientokratie meine ich ein Auftrumpfen, dass da sagt: „Wir haben das Wissen und sagen euch, wie’s geht.“ Wissenschaft ist ein zu bedeutsames, zu mächtiges gesellschaftliches Teilsystem, als dass man anderen gesellschaftlichen Systemen und Akteuren einfach zumuten könnte, sich den Wissenschaften zu unterwerfen. Ganz unabhängig davon, dass selbst die eindeutigsten Fakten hochgradig ambivalente Implikationen haben für die Frage, was gesellschaftlich daraus folgen sollte. Der szientokratische Fehlschluss schließt voreilig vom Sein aufs Sollen. Er übersieht, dass auch dann, wenn das Sein von der Wissenschaft in der methodisch zuverlässigsten Weise beschrieben ist, daraus noch nicht folgt, was gesellschaftlich der Fall sein soll. Bei der Umsetzung von Wissen in Praxis geht es auch um Interessensgegensätze, um Machtkonflikte und Deutungsdifferenzen. Deutungskonkurrenzen, Wertkonflikte und politische Interessenslagen können aber nicht wissenschaftlich entschieden, sie müssen gesellschaftlich diskutiert werden.

 

Sie haben gefordert, Wissenschaft müsse „für die Demokratie streiten“. Warum ist diese Streitbarkeit unerlässlich?

Es gibt einen Begriff, der das in meinen Augen am treffendsten auf den Punkt bringt nämlich den der Vorbehaltlichkeit. Wissenschaftliches Wissen ist vorbehaltliches Wissen. Wir stellen es unter methodische Skepsis und müssen damit rechnen, dass wir selbst es künftig oder andere jetzt schon besser wissen können als wir es selbst wissen. Wenn es diesen Revisionsvorbehalt nicht gäbe, wäre die Idee des Erkenntnisfortschritts gar nicht denkbar.

So unterschiedlich die Systeme der Gesellschaft, der Politik und der Wissenschaft auch sein mögen, so sehr sind sie doch durch diese strukturelle Gemeinsamkeit gekennzeichnet, nämlich diese Vorbehaltlichkeit. Es kann eine pluralistische Gesellschaft nur geben, wenn die Mitglieder dieser Gesellschaften nicht in heißer Gemeinschaftlichkeit, sondern in kühler Gesellschaftlichkeit miteinander leben: also damit rechnen, dass die Positionen des anderen womöglich nicht unvernünftig sind und dass die eigene Position in Zukunft eine andere sein könnte.

 

Für die Sparkassen spielt die Förderung von Bildung und Wissenschaft eine wichtige Rolle. Welchen Beitrag könnten sie dazu leisten, Forschungsvermittlung und wissenschaftliche Diskussionskultur zu stärken?

Es ist nicht an mir, Ratschläge oder Vorschläge zu machen. Aber mir scheint, hier schließt sich der Kreis der Fragen, die wir besprochen haben. Als öffentlich-rechtliche oder gemeinwohlverpflichtete Organisationen gehören die Sparkassen genau zu dem intermediären Sektor, der in der Gesellschaft zwischen dem Individuum und dem Gesamt der Gesellschaft vermittelt. Es ist genau diese intermediäre Ebene, die in dieser Vertrauenskrise der repräsentativen Demokratie und unter den populistischen Angriffen, auf die es besonders ankommt.

Es erscheint mir eine recht plausible Hypothese, dass die besondere Stärke populistischer und rechtsnationalistischer Bewegungen gerade in den sogenannten fünf neuen Ländern damit in Zusammenhang zu bringen ist, dass dort die intermediären Instanzen durch das Staatssystem der DDR delegitimiert gewesen sind und sich nicht in ausreichendem Maße neu gebildet haben. Dazu gehören öffentlich-rechtliche Institutionen, aber auch das gesamte Vereinswesen, das in die Massenorganisationen hinein gepresst wurde.

Ich glaube, ein großer Wert der Sparkassen liegt genau in dieser Intermediarität. Es bringt in der öffentlichen Debatte wenig, alles immer auf die gesamtgesellschaftliche Ebene zu heben oder auf die individualistische der Social Media abzusenken: Der gesellschaftliche Diskurs, der für unsere Art von staatlicher Verfassung konstitutiv ist, spielt sich auf dieser mittleren Ebene ab. Und da haben die Sparkassen über ihre öffentlich-rechtliche Struktur und ihre lokalen Verankerungen eine wichtige Position, in dem sie Nähe und Distanz vermitteln. Es macht doch einen Unterschied, ob ich als Bankenkunde bei einem global player bin, der sich im Wesentlichen in London mit dem Handel von Derivaten befasst, oder ob ich bei einer Sparkasse bin, wo ich die Bankenwelt als etwas wahrnehme, das ich zu mir selbst in ein Verhältnis setzen kann. Daraus ergibt sich dann eine Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten, auch in der Bildungs- und Wissenschaftsförderung.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

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