weitere Artikel

Peter Schaumberger: “Fairer Handel stärkt die zivilgesellschaftlichen Kräfte”

Bewertung

Ein Gespräch mit GEPA-Geschäftsführer Dr. Peter Schaumberger über faires Handeln in der Praxis und seine politische und soziale Wirkung.

„Fair Trade” ist einer der Kernbegriffe moderner Wirtschaftsethik. Wie man mit moralischen Kriterien auch wirtschaftlich gut fahren kann, zeigt die GEPA, die bereits 1975 gegründet wurde und sich mittlerweile als Marke etabliert hat.

„Fair Trade“ steht für gerechtere und verlässlichere Handelsbeziehungen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Gerechtigkeit“? Ist nicht ein freier Markt die beste Voraussetzung, um ein gerechtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu etablieren?

In Deutschland haben wir die „Soziale Marktwirtschaft“, die nicht einfach Freizügigkeit propagiert, sondern auch konkrete Rechte bietet, etwa das Mitbestimmungsrecht und das Tarifrecht – und die damit grundsätzlich sehr erfolgreich ist. Im globalen Handel gibt es solche Mechanismen nicht. Warum zahlen zum Beispiel nicht alle Unternehmen dort Steuern, wo sie den Gewinn erwirtschaften? Welche Kartellbehörde regelt das Kartell der Industriestaaten und der mit ihnen verbundenen multinationalen Konzerne?

Es gibt heute keinen freien Markt. Weltweit bestehen sehr unterschiedliche Bedingungen und letztlich gilt das Recht des Stärkeren – der stärkeren Volkswirtschaft und des kapitalstärkeren Konzerns. Auch grundsätzliche Fragen zeigen, dass hier keine Gerechtigkeit herrscht. In den Händen Weniger kommt immer mehr Kapital zusammen, auf der anderen Seite lebt die halbe Weltbevölkerung in Armut. Sobald es um Zölle geht, um die Zuckermarktordnung oder andere agrarisch geprägte Märkte, sollen stets die heimische Landwirtschaft und Industrie gefördert werden. Das ist nicht fair.

Wir wollen mit der GEPA keine Almosen verteilen. Ungehinderter Verbrauch von Ressourcen und menschlichen Schicksalen hat uns ans Ende des Wachstums gebracht. Wir streben deshalb ein organisches Verdrängungswachstum mit nachhaltigen erneuerbaren und fairen Produkten an, und wollen dadurch die ressourcenvernichtende Produktion und ungerechte Strukturen ersetzen. Wir möchten dazu beitragen, eine Ordnung herzustellen, die fairen Handel zwischen Nord und Süd wirklich ermöglicht.

Bietet „Fair Trade“ das Potenzial für eine „sanfte Globalisierung“, gerade weil dadurch regionale Initiativen und Projekte gestärkt werden können?

Fairer Handel verbindet idealerweise eine „Welt der Regionen“. Fairer Handel hat auch eine politische Funktion, denn er gibt den Kleinbauerngenossenschaften eine Stimme in ihrem Heimatland oder ihrer Heimatregion. Gladys Karina Sanchez, technische Beraterin bei der mexikanischen Kleinbauerngenossenschaft CIRSA, sagt: „Politisch gesehen hat der faire Handel hier eine wichtige Rolle gespielt. Die Bauern wollten das Leben in der Organisation. Dass die Genossenschaft noch besteht, ist eine Stärkung für die Bauern.“ Ein weiteres Beispiel ist das lateinamerikanische Netzwerk CLAC (Coordinadora Latinoamericana y del Caribe de Comercio Justo), das als Interessensverband von Kleinbauern auch durch die Unterstützung des Fairen Handels entstanden ist. Ziel ist die Stärkung des Genossenschaftsgedankens. Solche Beispiele gibt es bei unseren Partnern viele.

Für die biologische Qualität oder Fairness von Produkten gibt es unterschiedlich Siegel, aber es gibt auch immer wieder Diskussionen über deren Gültigkeit und Tragweite. Wie lassen sich verlässliche Standards für Gerechtigkeit etablieren? Ist das überhaupt wichtig, oder kommt es mehr darauf an, Fairness und Nachhaltigkeit überhaupt in den öffentlichen Diskurs zu bringen?

Beides ist für uns wichtig: Zertifizierungen durch unabhängige Organisationen sind für die Glaubwürdigkeit und Transparenz unserer Arbeit unerlässlich. Denn die Partner der national und international anerkannten Fair-Handelssysteme können sich auf verbindliche Standards berufen, sie sind nicht von „Good-Will-Aktionen“ einzelner Unternehmen abhängig, die sich mal engagieren und mal nicht. Gerade wenn eine Aktion nur einen Bruchteil des Unternehmensvolumens ausmacht, fehlt oft die Verhältnismäßigkeit und es besteht die Gefahr von „Greenwashing“.

Als Fair-Trade-Pionier möchten wir aber über die gängigen Fair-Handels-Standards hinausgehen. Standards bieten aus unserer Sicht eine Grundlage, auf der man weiter aufbauen sollte. Wir verstehen uns als Speerspitze des fairen Handels und daher entwickeln wir den fairen Handel durch Innovationen weiter. Ein Beispiel dafür sind unter dem Motto „Rundum fair“ die GEPA-Schokoladen mit fairer Bio-Milch aus Deutschland. Damit kommen wir auch unserem Ziel von mehr Fairness in der Lieferkette näher. Unsere Schokolade war die erste mit fairer Bio-Alpenmilch. In allen Mischprodukten wie Schokoladen oder Gebäck streben wir möglichst hohe Fair-Handelsanteile von bis zu 100 Prozent an. Wir sind stolz, dass wir den höchsten Anteil bei vielen Schokoladen und Riegeln bereits erreicht haben. Und faires Bio-Palmfett in Füllungen trägt ebenfalls zum hohen Fair-Handelsanteil bei.

Durch politischen Diskurs, Bildungsarbeit mit Schülerinnen und Schülern sowie durch intensive Öffentlichkeitsarbeit tragen wir das Thema fairer Handel auch in die aktuellen Debatten und tragen zur Sensibilisierung von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei. Schon in den Anfangsjahren hieß einer unserer Slogans „Wandel durch Handel(n)“.

Welches Innovationspotenzial hat der Faire Handel? Führt das Nachdenken über mehr Gerechtigkeit in den Handelsbeziehungen auch zu besseren Produkten und Dienstleistungen?

Auf jeden Fall. Die GEPA hat beispielsweise der Kaffeegenossenschaft ACPCU aus Uganda Zugang zum europäischen Markt eröffnet. Sie hat ACPCU auch ermutigt, auf Bio-Kaffee umzustellen. So ergaben sich für ACPCU zusätzliche Marktchancen. Bis heute ist ACPCU der einzige Lieferant für Bio-Robusta aus Uganda. Seit der Gründung 2006 hat sich ACPCU zu einem Genossenschaftsverband mit Vorbildcharakter entwickelt. So berichtet Betriebsleiter Stanley Maniragaba: „Die GEPA gewährt uns auch Vorfinanzierung zu vernünftigen Zinssätzen. Wir bekommen zusätzliche Qualitätsprämien. Durch die GEPA haben wir uns beim Thema Produktqualität weiterbilden können. Einige Käufer geben keine Rückmeldung zu dem Kaffee, den sie erhalten haben. Aber die GEPA gibt uns ein Feedback. Sie sagen uns, wo wir uns verbessern müssen.“ Und die Genossenschaft kann so auch einfacher andere neue Kunden finden und wird in Europa als Anbieter von Robusta-Kaffee mit hoher Qualität bekannt.

Fairer Handel hat eine politische Funktion”

Im Einzelhandel finden sich inzwischen viele Produkte, die faire Handelsbedingungen oder ökologische Unbedenklichkeit signalisieren. Begrifflichkeiten wie Authentizität, Zuverlässigkeit, Handwerklichkeit spielen auch für große Handelsmarken inzwischen eine wichtige Rolle. Ist das eine begrüßenswerte Entwicklung oder drohen dadurch Anliegen der Fair-Trade-Idee zu verwässern?

Das ist Chance und Risiko zugleich. Organisationen wie die Stiftung Warentest und Öko-Test nehmen soziale Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsiblity) mit in ihre Bewertungskriterien auf. Diese Entwicklung haben wir durch unser Vorbild mit angestoßen, weil wir den Finger in die Wunde gelegt haben. Natürlich muss man darauf achten, dass diese an sich positiven Tendenzen nicht zur Marketingmasche oder zu Greenwashing verkommen. Richtig ehrlich meinen es viele Unternehmen wahrscheinlich erst, wenn sie mittelfristig ihre gesamte Geschäftstätigkeit fair und nachhaltig ausrichten – wie wir das tun. Verbraucherinnen und Verbraucher können ein stimmiges Gesamtkonzept sehr genau von einmaligen PR-Aktionen unterscheiden, die doch eher der eigenen Imagepflege dienen.

Wir sind eine 100-Prozent-Fair Handelsorganisation, das heißt, fairer Handel ist unser einziger Unternehmenszweck. Wir haben uns nach dem Garantie-System der WFTO (World Fair Trade Organization) überprüfen lassen, eine Auszeichnung, die nur wenige Unternehmen in Deutschland aufweisen können. Die zehn Grundprinzipien des fairen Handels der WFTO, nach denen wir arbeiten, beziehen sich nicht nur auf die einzelnen Produkte oder Rohstoffe, sondern auf das Unternehmen als Ganzes.

Frankreich ist in Sachen Wirtschaft und Menschenrechte deutlich weiter als Deutschland”

Von vielen Konsumenten wird Fair Trade bisher vor allem in einigen Nischenmärkten wahrgenommen, im Lebensmittelhandel etwa, hier und da auch bei Textilien. Was müsste getan werden, um Fairness auch in anderen Wirtschaftszweigen stärkeres Gewicht zu verleihen?

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die neue Bundesregierung die UN-Leitlinien zur Einhaltung der Menschenrechte im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte verbindlich umsetzen würde – also die Verantwortung der Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette. Doch leider setzt die neue Bundesregierung hier weiter auf Freiwilligkeit. Unser Nachbarland Frankreich ist hier mit seinem Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht schon deutlich weiter.

Auf der wirtschaftlichen Ebene wäre es wichtig, dass es jedem Konsumenten bewusst ist, dass es auch eine starke „soziale Kontamination“ eines Produktes gibt. Jeder Herstellungs- und Handelsprozess wirkt sich auf die beteiligten Menschen aus. Auf Zigarettenpackungen haben wir uns an erschreckende Bilder gewöhnen müssen. Wenn solche Bilder auch an durch Kinder- und Sklavenarbeit erzeugten Produkten hängen würden, würde das viel verändern.

Fair Trade bedeutet auch, politische und gesellschaftliche Strukturen vor Ort zu berücksichtigen. Einige Ihrer Partner operieren in Ländern mit prekärer politischer/gesellschaftlicher Stabilität. Was bedeutet das in der Praxis, beispielsweise für die Auswahl von Handelspartnern und Lieferanten? Wie stark lässt sich in gesellschaftliche Veränderungsprozesse eingreifen, wieviel Umsicht muss man dabei walten lassen?

Da stellt sich die Grundsatzfrage, ob der Boykott eines Unternehmens die politischen Verhältnisse in einem Staat verändern kann. Wenn wir diese Macht hätten und diese Veränderung dadurch erzielen könnten, wäre es eine Option. Wir handeln nicht mit Staaten, sondern in der Regel mit Kleinbauernkooperativen oder kleinen handwerklichen Betrieben und verschaffen den Menschen dort besseren Zugang zu medizinischer Versorgung, besserer Ernährung und vor allem Bildung. Je höher der Bildungsstand in einem Land, desto stärker auch die Zivilgesellschaft. Darin sehen wir auch einen Beitrag.

Fairer Handel stärkt die Zivilgesellschaft”

In der Weltwirtschaft gibt es aktuell zwei sehr gegenläufige Tendenzen: Einerseits die Bemühungen um einen freien, möglichst unbeschränkten Welthandel, andererseits das Wiedererstarken protektionistischer Bemühungen. Was bedeutet das für die Idee eines fairen Handels?

Globaler Handel ist aus unserer Sicht nicht wegzudenken, er bietet viele Chancen. Die entscheidende Frage ist, nach welchen Regeln er stattfindet. Auf jeden Fall müssten lokale und regionale Märkte – vor allem im Süden – gestärkt werden. Die Probleme der Globalisierung entstehen dann, wenn subventionierte Produkte lokale Märkte zerstören, zum Beispiel durch Billig-Lebensmittelimporte der EU nach Afrika, oder wenn die Notlage armer Menschen durch Hungerlöhne ausgenutzt wird. Die Handelsbeziehungen und -regeln müssen diese Märkte schützen. Im Welthandel aber gelten die Regeln der Industriegesellschaften für ungleiche Partner, was Entwicklungs- und Schwellenländer deutlich benachteiligt. Beispiel: Ein umstrittenes Element zur Förderung des Welthandels ist die Senkung von Importzöllen für Agrar- und Industrieprodukte. Dies ist eher im Interesse wettbewerbsstarker Unternehmen des Nordens, während lokale Produzenten/-innen und Unternehmen im Süden durch leistungsstärkere ausländische Unternehmen aus dem heimischen Markt gedrängt werden. Ein gewisser Protektionismus für benachteiligte Länder muss sein – solange die Handelsbedingungen so unfair wie jetzt sind.

Dagegen sollte Abschottung in den Industrienationen verboten werden, denn die Weiterverarbeitung von Rohstoffen in den Herkunftsländern wird nach wie vor zum Beispiel durch hohe Zölle für verarbeitete Waren behindert. Diese Politik steht in krassem Widerspruch zu den entwicklungspolitischen Zielen, in den Ländern des Südens stabile Volkswirtschaften aufzubauen und bessere Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen.

Wir wollen kein Wachstum um jeden Preis”

Ähnlich wie die Sparkassen ist auch die GEPA mit dem Auftrag der Gemeinwohlorientierung gegründet worden. Was bedeutet das in der unternehmerischen Praxis? Wonach bemisst sich unternehmerischer Erfolg?

Unser Ziel ist nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Qualität auf allen Ebenen: hohe Produktqualität mit Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe vom Handelspartner bis ins Päckchen, Weiterentwicklung über Standards hinaus und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Die GEPA hat von ihren Gründern und Gesellschaftern verschiedene Aufträge mitbekommen. Um ihre Aufgaben erfüllen zu können, soll die GEPA auch ein betriebswirtschaftlich gesundes Unternehmen sein. Ziel ist, eine Umsatzrendite von 3% zu erreichen, um etwa Investitionen sicherstellen zu können. Unseren Erfolg bemessen wir auch am erreichten Marktanteil, den wir durch organisches Verdrängungswachstum erreichen wollen.

Unsere drei Kernziele sind, benachteiligte Produzentengruppen im Süden zu fördern, Verbraucherinnen und Verbraucher im Norden zu einem anderen Einkaufsverhalten und einem anderen Lebensstil zu motivieren und die Welthandelsstrukturen durch konkrete Alternativen, Lobbyarbeit und politische Arbeit zu beeinflussen und zu verändern. Je mehr Produzentengruppen wir Produkte zu einem fairen Preis abkaufen können, desto erfolgreicher sind wir. Je mehr Verbraucher wir erreichen und von der Qualität und dem Sinn fairer Produkte überzeugen können, desto erfolgreicher sind wir. Je weniger nicht-erneuerbare Ressourcen wir bei Erzeugung, Transport und Verpackung verbrauchen, oder je sinnvoller wir die Ressourcennutzung abwägen, desto erfolgreicher sind wir. Unseren Erfolg bemessen wir auch am Grad der Glaubwürdigkeit bei Verbrauchern und Stakeholdern.

Was könnten öffentlich-rechtliche Institute wie die Sparkassen tun, um ein gerechteres Wirtschaftssystem zu fördern?

Zuallererst ist natürlich die Beschaffung zu nennen. Und das endet nicht bei fairem Kaffee, Tee, Gebäck und Schokolade für Mitarbeiter/innen und Kund/innen, sondern gilt für alle Bereiche des Einkaufs. Auch die Beachtung von nicht nur finanziellen Nachhaltigkeitskriterien bei der Kreditvergabe wäre ein großer Beitrag. Hat ein kreditnehmendes Unternehmen, das nachhaltige Ansätze verfolgt und das Wert auf ökofaire Beschaffung legt, einen Vorteil bei der Kreditvergabe? Gerade die Sparkassen mit ihrer regionalen Verwurzelung könnten hier auf viele kleine und mittelständische Unternehmen in den Regionen fördernden Einfluss nehmen und Anreize bieten. Eine Verpflichtung haben wir alle, eine „enkeltaugliche“ Wirtschaft zu betreiben und zu fördern.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Weitere Artikel zu diesem Thema