weitere Artikel

Frankreich vor der Wahl – Chancen und Risiken für Europa

Bewertung

Europa schaut gespannt nach Frankreich. Wie werden die Franzosen am 23. April entscheiden? Viele sehen die Präsidentschaftswahl als Schicksalswahl für Europa. Kommt nach dem Brexit der Frexit? Was würde das für die EU bedeuten? Dazu ein Interview mit dem Chefvolkswirt der DekaBank Dr. Ulrich Kater.

Herr Dr. Kater, warum ist diese Wahl so bedeutsam  für Europa?

Dr. Ulrich Kater: Europa hat über 60 Jahre lang an einem gemeinsamen Haus gebaut hat, das nicht perfekt ist, aber doch den europäischen Bürgern als ein gutes Dach über dem Kopf dient. Dieses Haus wollen die französischen Nationalisten einreißen. Wenn das gelingt, würde sich jedes europäische Land ein neues Zuhause suchen. Dabei müsste alles neu gestaltet werden, Wirtschaft und Finanzmärkte würden sich umstrukturieren, es gäbe Gewinner und Verlierer, manche Länder würden vielleicht überhaupt nicht zurechtkommen, alte Rivalitäten und Streitpunkte würden wieder aufbrechen. Kurz: In Europa bliebe kein Stein auf dem anderen.

 

Was würde ein Wahlsieg der Rechtspopulisten für Europa bedeuten?

Dr. Ulrich Kater: Wenn dieser Wahlsieg umfassend wäre, also neben dem Präsidentenamt auch eine Mehrheit im Parlament bedeuten würde, dann könnte es schnell gehen mit einem französischen Alleingang. Dies ist allerdings wenig wahrscheinlich. Möglich ist ein Sieg von Le Pen allerdings schon. Dann geht zumindest in der Europapolitik in den nächsten Jahren nichts voran. Europa hätte keine Chance, sich den Bedürfnissen der Bürger weiter anzupassen, weil das Interesse der französischen Präsidentin auf ein größtmögliches Scheitern europäischer Politik gerichtet wäre. Aber auch Frankreich würde stillstehen, denn eine Zusammenarbeit der nationalistischen Präsidentin mit einer bürgerlichen oder sozialistischen Regierung ist schwer vorstellbar.

Und für Deutschland?

Dr. Ulrich Kater: Es verliert den wichtigsten Europa-Partner. Damit nehmen die Spannungen innerhalb Europas zu. So ist etwa offen, ob Frankreich überhaupt noch eine Erfüllung der fiskalischen Maastrichtkriterien anstreben würde. Die Investitionsbereitschaft, die sich in Deutschland gerade wieder ein wenig regt, würde wieder in sich zusammenfallen.

Welche Auswirkungen hätte ein Rechtsruck in Frankreich auf die Finanzmärkte – kurz – und längerfristig?

Dr. Ulrich Kater: Kurzfristig würde es natürlich einen Schlag tun an den Aktienmärkten, wo Rückgänge von zehn Prozent und mehr nicht überraschen würden. Die Zinsen für Staatsanleihen von fiskalisch schwächeren Ländern in der Währungsunion würden stark steigen, die EZB würde wohl im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, etwas zu glätten. Mit der Erkenntnis, dass sich unmittelbar an der französischen Mitgliedschaft nichts ändert, würde es nach einigen Wochen wohl aber auch wieder eine Erholung geben.

Was heißt das für Verbraucher?

Dr. Ulrich Kater: Beim Verbraucher werden diese Themen erst dann ankommen, wenn die Europäische Union auseinanderfliegt. Dann aber richtig. Dann wird man einmal praktisch erleben, wie viele Güter des täglichen Bedarfs heute im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung besser und günstiger im Ausland hergestellt und eingekauft werden. Man wird es daran merken, dass viele dieser Güter dann deutlich teurer oder gar nicht mehr da sind.

Bleibt alles beim Alten, wenn die Front National nicht siegt?

Dr. Ulrich Kater: Die Finanzmärkte würden Erleichterung zeigen. Europapolitisch stünden dann nach den Bundestagwahlen in Deutschland viele Reformmöglichkeiten offen. Für Frankreich aber ist entscheidend, ob eine bürgerliche oder sozialistische Regierung das eigene Land auch wirklich reformieren kann. Sonst ist das Nationalismus-Thema nur verschoben.

Wagen Sie eine Prognose für den Ausgang der Wahl?

Dr. Ulrich Kater: Ich habe Respekt vor den Problemen der Demoskopen in Zeiten des politischen Wandels. Daher sollte man sich auf den Vorsprung, der zurzeit dem unabhängigen Kandidaten Macron bescheinigt wird, nicht blind verlassen. Frankreich macht zurzeit einiges durch. Relativ sicher erscheint mir, dass die Nationalisten keinen gleichzeitigen Durchmarsch ins Präsidentenamt und in das Parlament machen werden.

Diesen Artikel kommentieren

Weitere Artikel zu diesem Thema